Therapeutische Monatsheft, 16.Jahrgang, September 1902, Berlin

Die Schrift der Aebtissin Hildegard über Ursachen und Behandlung der Krankheiten

übersetzt von Dr. phil. Paul Kaiser

[Fortsetzung: (Teil 3 von 5)]

[Teil 2: Therapeutische Monatsheft, 16.Jahrgang, August 1902, Berlin]
 

Vom Essen. .. Nüchtern esse der Mensch zunächst etwas Warmes, damit der Magen sich erwärme, nichts Kaltes, weil dann der Magen so kalt wird, dass er nachher durch warme Speisen kaum erwarmen kann... Alles Obst, saft- und feuchtigkeitsreiche Nahrung vermeide er bei der ersten Mahlzeit, weil diese Speisen Schleim und Unruhe in den Säften herbeiführen würden; wenn er aber schon etwas genossen hat, kann er sie essen, und dann dienen sie mehr der Gesundheit als zur Schwächung des Körpers. Wer gesund ist, dem ist es zur guten Verdauung gut und heilsam, dass er sich des Frühstücks enthalte bis zur Mittagszeit. Wer aber krank oder schwächlich ist, dem ist es gut und heilsam, am Morgen zu frühstücken, um von den Speisen Kräfte zu bekommen, die er an sich nicht hat. Zur Nacht kann man dasselbe essen und trinken wie am Tage, wenn man will; doch dann esse man so zeitig vor der Nacht, dass man noch seinen Spaziergang machen kann, bevor man sich zur Ruhe legt.

Vom Trinken. Edler, starker Wein erregt Adern und Blut des Menschen auf unrechte Weise und zieht die ganze Feuchtigkeit, die im Menschen ist, an sich, wie Reinigungstränke es thun, und zwingt vor der richtigen Zeit den Harn zum Fliessen. Ungarwein thut das nicht ... Deswegen müssen starke Weine durch Brot, das man hineinthut, oder durch einen Zusatz von Wasser gemildert werden... Ungarwein braucht so nicht gemildert zu werden; wenn aber einer Wasser dazu thun will oder Brot und ihn so trinken, dann ist er zwar angenehmer zum trinken, aber nicht gesunder ...

Von Jahreszeiten und Mahlzeiten. Wer zur kalten Winterszeit speisen will, wähle sich einen Ort, der weder zu warm noch zu kalt ist, sondern mässig warm, und esse ... mässig warme Speisen ... Und wenn er auch warm gekleidet ist, darf er beim Essen nicht an einem kalten Ort sitzen, weil ihn die kalte Luft, die er während des Essens einathmet, krank macht. Kohlenwärme, die während des Essens den Rücken des Menschen trifft, ist gesunder, als wenn die Glut ihm ins Antlitz kommt. – Wer im Sommer, wenn er innerlich sehr warm ist, heisse Speisen geniesst, bekommt leicht Fluss (guttam); wer dann sehr kalte Speisen verzehrt, sammelt in sich Schleim. Darum soll man im Sommer lauwarme Speisen essen ... Wer im Sommer ... viel isst, dessen Blut erhitzt sich übermässig, seine Säfte nehmen eine üble Art an, sein Fleisch bläht sich und schwillt unnatürlich auf, weil die Luftwärme zu stark ist. Wenn er dann nur wenig zu sich nimmt, schadet ihm das nichts, sondern erhält ihn gesund. Wenn aber der Mensch im Winter, wenn er innerlich recht kalt ist, viel geniesst, so ist ihm dies gesund und macht ihn fett. Doch muss sich der Mensch in jeder Jahreszeit hüten, kochheisse und von Feuchtigkeit dampfende Speisen zu sich zu nehmen; sondern nach dem Kochen warte er, bis die Glut und der Dampf aufhören, weil glühende und dampfende Speisen seinen Leib aufblähen und leicht Aussatz herbeiführen. Auch wenn der Mensch unter grosser Traurigkeit leidet, soll er genügsam von ihm zusagenden Speisen essen, um erquickt zu werden; denn die Traurigkeit beschwert ihn. Auch bei grosser Freude soll der Mensch mässig essen, weil sein Blut dann frei und ungebunden umherkreist (in apertione vagationis dissolutus est), damit nicht bei reichlicher Nahrungsaufnahme seine blutsäfte sich zu Fieberstürmen verwandeln. Im Winter darf man nicht viel trinken ... und zwar trinke man Wein oder Bier, Wasser aber meide man möglichst ... Im Sommer darf man mehr trinken als im Winter ... auch ein Wassertrunk schadet dann weniger. Wenn aber im Sommer der Mensch erhitzt ist, und wenn er gesund ist, trinke er nur wenig lauwarmes Wasser und gehe bald ein wenig hin und her, damit das Wasser in ihm erwarme. Das ist seinem Körper zuträglicher, als wenn er Wein trinkt. Wenn er aber krank ist, und wenn es im Sommer ist, trinke er Wein mit Wasser oder Bier, weil ihn dies mehr erfrischt als Wasser. Immer aber, im Sommer und im Winter, hüte sich der Mensch vor zu starkem Trinken; denn zu starker Regenguss schadet der Erde, in dem er sie durchdringt, und so führt auch derjenige, der übermässig trinkt, eine Unbrauchbarkeit verschiedener Säfte in seinem Körper herbei. Doch soll man sich auch nicht gar zu sehr des Trinkens enthalten, weil man sich durch solche Enthaltsamkeit ausdörrt und sich eine Schwerfälligkeit des Geistes und Körpers zuzieht. Auch können dann die genossenen Speisen nicht gut verdaut werden und zuträglich sein, wie ja auch dürre und harte Erde keine gute Frucht trägt, wenn ihr Regenniederschläge fehlen ...

Vom Aderlass. Wenn die Adern des Menschen voll Blut sind, müssen sie von schädlichem Schleim und dem Saft ihrer Verdauung durch einen Einschnitt gereinigt werden. Wenn aber die Ader eingeschnitten wird, erbebt das Blut wie in plötzlicher Angst, und was dann zuerst herauskommt, ist kein reines Blut; Eiter und Blutverdauung fliessen gleichzeitig aus, und darum hat der Aderfluss verschiedene Farben, weil er Eiter und Blut ist. Wenn diese aber ausgeflossen sind, kommt reines Blut, und dann ist mit dem Aderfluss aufzuhören. Wer sich aber zu Ader lässt und gesund und kräftig ist, der soll so viel Blut lassen, wie ein starker durstiger Mann in einem Zuge Wasser trinken kann; wer schwach ist, nur so viel, wie ein Ei von mässiger Grösse fassen kann. Denn übermässiger Aderlass schwächt den Körper ... mässiger aber entfernt die bösen Säfte und ist dem Körper gesund ... Wer stark, gesund und dick ist, lasse alle drei Monate zur Ader ... und zwar bei abnehmendem Monde am 1., 2., 3., 4., 5. oder 6. Tag nach Vollmond ... Der Aderlass ist alten Leuten zuträglicher als jungen, weil das Blut der Greise mehr mit Eiter vermischt ist als das Blut junger Leute. Der Mann kann aber, wenn es nöthig ist, schon im 12. Lebensjahr zur Ader lassen ... aber doch nur soviel, wie zwei Nussschalen fassen können; das thue er einmal im Jahr bis zum 15. Lebensjahr; von da an ... wenn er gesund ist, lasse er soviel Blut, wie ein dürstender Mann Wasser in einem Zuge trinken kann, wie oben gesagt ist, bis zu 50 Jahren. Nach dem 50. Jahr, wo im Manne Blut und Schleim abzunehmen und sein Fleisch zu wachsen beginnt, lasse er nur einmal im Jahr zur Ader und vermindere den Durchschnitt des Maasses der Blutentleerung, und das thue er bis zu 80 Jahren. Später aber nützt ihm der Aderlass nichts mehr, sondern ist schädlich, weil die Lebenskraft des Blutes schon eingetrocknet ist; ausser wenn eine grosse Aufwallung und ein Aufbrechen der Säfte in ihm erfolgt, und dann lasse er dieser Noth wegen ein wenig zur Ader. Weil aber nach dem 80. Lebensjahr die Adern des Mannes dahinschwinden und ein Aderlass ihm nicht gesund ist, so errege er durch Kräuter, wie Schwarzdistel und dergleichen, Blättern an seinem Körper, damit die schädliche Säfte zwischen Fleisch und Haut ausfliessen, wenn die Pusteln aufbrechen. – Ein Weib ... wird den Aderlass bis zum 100. Lebensjahr ausdehnen, weil sie es wegen der schädlichen, eitrigen Säfte nöthiger hat als der Mann. Das beweist auch die monatliche Reinigung. Wenn sie durch diese nicht von schädlichen, eitrigen Säften gereinigt würde, dann würde sie ganz und gar anschwellen und könnte nicht leben. Nach dem 100. Jahr aber lasse sie nicht mehr zur Ader ..., wenn sie aber dann nocht schädliche Säfte in sich spürt, erzeuge sie Pusteln an denselben Stellen, wo auch Erhitzungen (cocturae) am Menschen gemacht zu werden pflegen. – Man muss wissen, dass in der Cephalica mehr Flüssigkeit ist als in der Mediana oder Epatica, weil der Cephalica mehr Adern mit Flüssigkeit anhaften als der Mediana oder Epatica: darum ist es heilsamer an der Cephalica den Aderlass vorzunehmen als an den anderen Adern. Denn wer viel Schleim im Kopf oder auf der Brust hat oder wem der Kopf so brummt, dass ihm davon das Gehör etwas verringert wird, lasse an der Cephalica zur Ader; doch hüte er sich vor zu reichlicher Blutentleerung, damit nicht seine Augen davon verdunkelt werden; denn einige bis zu den Augen reichende Aederchen haften ihr an, so dass bei starker Blutentleerung auch diese leer werden und dem Menschen das Augenlicht schwindet.

Vom Schröpfen. Wem die Augen von bösen Säften dunkel werden oder schwären oder das Fleisch um die Augen anschwillt, der lasse hinter den Ohren und am Nacken durch Hörner oder Schröpfgläser (cornibus aut ventosis) mässig Blut ab, drei oder vier Mal im Jahr; wenn er sich aber nothgedrungen dort öfter schröpfen lässt, lasse er desto weniger Blut abnehmen ... Er lasse sich an dem schmerzenden Körpertheile das Blut entfernen. Hat einer an der Zunge Schmerzen, so dass sie schwillt oder schwärt, schneide man sie mit kleinem Schnepper oder der Bremse (cum flebotomo aut cum brema, vgl. mein Progr. S. 7; Dorn?) ein wenig ein, damit dort das eitrige Blut austritt, und es wird ihm besser gehen. Hat einer Zahnschmerzen, schneide er in gleicher Weise ins Zahnfleisch ... Wessen Herz traurig, wessen Geist niedergeschlagen ist, lasse in der Mediana Blut ab ..., wenn man Leber- oder Milzschmerzen hat, wenn man Athembeklemmung im Hals oder in der Kehle wahrnimmt, wessen Augen sich verdunkeln, der lasse von der Epatica Blut abnehmen; dann wird es ihm besser gehen. ... Der Einschnitt in die genannten Hauptadern muss in der Armbeuge erfolgen. ... Man soll aber, ob Mann oder Weib, während man in der Jugendzeit in Länge und Breite wächst, die Ader nicht zur Blutentleerung aufschneiden, wennschon es die Noth zu erheischen scheint, weil während des Wachsthums von Adern und Blut bei einem Einschnitt und Blutverlust der Mensch schwach wird an Körper und Wesen und in seinem Geist gleichsam leer. Sondern wenn es die Noth fordert, soll er Erhitzungen machen und durch Schröpfen Blut ablassen ... Wenn aber der Mensch über diese Zeit hinaus ist und er körperlich nicht mehr wächst, also nach dem 20. Jahr, so mag er, wenn Krankheiten es nöthig machen, einschneiden, aber nur wenig Blut ablassen. Wenn er aber körperlich gesund ist, lasse er nicht zur Ader, sondern lasse sich schröpfen und mache Erhitzungen. Wenn er aber das vollendete Lebensalter von 30 Jahren erreicht hat, kann er, ob gesund oder krank, mässig zur Ader lassen ... (Die Widersprüche in diesen Verordnungen lassen erkennen, dass die Heilkünstler des 12. Jhs. über den Werth des Aderlasses verschiedener Meinung waren und vielleicht Hildegard selbst während ihrer langen Praxis ihre Ansichten geändert hat.)...Wer zur Ader gelassen hat, muss sich 3 Tage lang vor dem Licht der Sonnenstrahlen und brennenden Feuers hüten ... Das Tageslicht aber ist milde und schadet dem Geschwächten nicht, wenn die Sonne nicht zu hell scheint. Aber stets und besonders in der Aderlasszeit kocht das die Augen umgebende Fleisch von Sonnen- und Feuersglut auf, und das Augenlid (pellicula, scilicet membrana quae oculos continet) wird träge, und so wird das Gesicht verdunkelt. Der Geschwächte aber darf verschiedenartige und gebratene Speisen und solche von verschiedenartigem Saft, rohes Obst und rohes Gemüse nicht geniessen, denn diese würden in seinen Adern nur den Eiter, nicht das Blut mehren. Auch starken Wein darf er nicht trinken ..., er esse vielmehr passende Speisen und ein oder zwei Gerichte, so dass er anständig satt wird (ita quod sibi honeste sufficiat), und trinke leichten, reinen Wein. Das thue er zwei Tage lang, weil dann noch das geschwächte Blut in Erregung ist. Am dritten Tage bekommt sein Blut wieder Kräfte und vertheilt sich an seine Stellen. Käse aber soll der Geschwächte vermeiden ... Wenn einer sich zur Ader lassen will, so thue er das nüchtern ... nur wenn einer sehr schwächlich und krank ist, nehme er ein wenig Speise vor dem Aderlass, damit er nicht schwach werde. Auch das Schröpfen geschehe in der Nüchternheit. Damit er aber keine Herzschwäche bekommt, nehme der Mensch vor dem Schröpfen etwas Brot und Wein ... Das Schröpfen ist für Jünglinge zuträglicher als für Greise .. und geschieht besser im Sommer als im Winter ...Wer weiches und fettes Fleisch hat, lasse sich ein einem Monat zweimal durch Schröpfen Blut abziehen. Wer aber mager ist, kann es nöthigenfalls in jedem Monat einmal thun. Bei Augen-, Ohren- oder Kopfschmerzen setze man den Schröpfkopf zwischen Hals und Rücken, bei Brustschmerzen auf die Schulterblätter, bei Seitenschmerzen auf beide Arme an die Handwurzel, bei Schmerzen in den Beinen auf die Weichen, bei Unterleibsschmerzen zwischen Gesäss und Kniebeuge auf das Hüftgelenk. Auf die Stelle aber, auf die man den Schröpfkopf setzt, darf man ihn nicht öfter als drei oder viermal in einer Stunde, in der das Blut abgezogen wird, setzen. Auf den Waden und Schienbeinen darf nicht oder nur selten geschröpft werden ... Wer sich auf diese Art durch Schröpfen Blut und Säfte abzapfen lässt, braucht sich vor Sonnen- und Feuersglut und Speisen nicht so in Acht zu nehmen, als wenn er zur Ader gelassen hätte .... Die Erhitzung aber (ustio autem, scilicet coctura) ist stets gut und nützlich, weil sie, vorsichtig angewendet, Säfte und Schleim innerhalb der Haut vermindert und dem Körper Gesundheit bringt. Sie eignet sich für junge und alte Leute ... , doch ist sie für Greisen noch zuträglicher als Jünglingen ... Jungen Leuten ist sie im Winter zuträglicher als im Sommer, ... alten ist sie besonders im Sommer zuträglich ... Will man aber die Erhitzung vornehmen, so bewirke man die mit Gartenysop oder Spindelbaummark (isca aut medulla fusarii, vgl. Progr. S. 7 und 18) oder einem geknoteten Leinentuch, nicht aber mit Eisen ... noch mit Schwefel ... noch mit Harz, weil dies Flammen ausstrahlt und die Haut versengt ... Wenn man aber die Erhitzung längere Zeit haben will und mit einem Tuch umwickeln, so nehme man Mark von der Haselstaude und lege ein wenig Werg von Linnen darum und lege es auf. Wenn man sie ohne Verband und nur kurze Zeit haben will, lege man Werg von Linnen oder Hasenhaare auf ... Wer aber Augen-, Ohren- oder Kopfschmerzen hat, nehme die Erhitzung hinter den Ohren vor, ohne dass er einen Verband benutzt; bei Rückenschmerzen wende er sie zwischen den Schulterblättern an oder an den Armen, wo er einen Verband tragen kann; bei Schmerzen in den Weichen zwischen diesen und dem Rücken, und wenn man viel Säfte im ganzen Körper hat, lasse man sich zwischen Schienbein und Wade erhitzen und trage dort einen Verband. Und wie der, welcher sich zur Ader lässt, bissweilen eine Pause macht, so soll es auch der halten, der eine Erhitzung vornimmt. Wenn er sich eine Zeit lang am Tage ausgeruht hat, mag er sich wieder erhitzen. Wer aber eine Erhitzung anwendet, nehme ein Hanftuch, tauche es 3 oder 4 Mal in Wachs, lege es auf Rosmarinrinde, weil es mit dem Wachs auf der erhitzten Stelle fest aufliegt, und lege es auf, so dass das Tuch überall die Rinde überragt. So hält der Verband den Eiter der Erhitzung fest, dass er nicht hervortreten kann. Denn je mehr Eiter auf der erhitzten Stelle zurückgehalten wird, desto mehr Eiter scheidet aus ohne Blutverlust ... Cyprusrinde taugt nicht für eine Erhitzung ... Wenn der aufgelegte Verband voll Eiter ist, so dass er davon warm ist, nehme man ihn ab und lege einen neuen auf ...

 [Schluss folgt.]
 

© Ann E. Wild

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Dr Ann Elizabeth Wild

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