Therapeutische Monatsheft, 16.Jahrgang, November 1902, Berlin
Die Schrift der Aebtissin Hildegard über Ursachen und Behandlung der Krankheiten
übersetzt von Dr. phil. Paul Kaiser
[Fortsetzung: (Teil 4 von 5)]
Vom Speichelauswurf und Schnauben. Das Gehirn hat Oeffnungen, die stets luftig sind und durch die es erweicht und befeuchtet wird: Augen, Ohren, Nase, Mund; der feuchtkalte Unrath der Säfte sammelt sich dort am Ausgang der Nase und Kehle, weil ihn das Gehirn nicht bei sich behält, sondern zur Reinigung abstösst und durch den Luftzug wieder entfernt. Wollte der Mensch diese Reinigung irgendwie unterdrücken, so würde er geisteskrank werden ... Wer aber eine verstopfte Nase hat, der ... ist innerlich ungesund und leidet an Geschwüren u.s.w.
Vom Nasenbluten ... Manche Menschen haben so viel Blut, dass es manchmal vor Fülle dick und dunkel wird. Wenn diese innerlich gesund sind, so fliesst das überflüssige Blut aus der Nase ab und ihr Gehirn wird dadurch gereinigt, ihre Sehkraft geschärft und ihre Kräfte erneuert ...
Vom Schnupfen. Auch wenn das Gehirn des Menschen einigermaassen rein und gesund ist, dringen doch bisweilen die Wirbel der Luft und der andern Elemente ein und lassen verschiedenartige Säfte ein- und ausfliessen und erzeugen im Nasen- und Kehlwege einen nebelhaften Dunst, so dass dort ein schädlicher Eiter wie Dunst von nebligem Wasser sich zusammenzieht. Der Schleim verdichtet sich dann zu festen dünnen Säften, die unter Schmerzen durch Nase und Kehle ausgestossen werden; wie auch reife Geschwüre aufbrechen und ihren Eiter fliessen lassen und wie man keine Speise kocht, ohne dass ihr Abgang im Schaum ausgeschieden wird ... Wenn man eine neue und unbekannte Speise geniesst oder solchen Wein oder anderes Getränk, dann werden durch diese neuen Säfte die andern im Körper aufgewühlt und gehen reinigungshalber flüssig aus der Nase ab, wie neuer Wein, den man in ein Gefäss giesst, die Unreinigkeiten ausscheidet. Wenn Jemand eine derartige Reinigung unterdrücken wollte, würde er sich ebenso schaden, als wenn er Stuhlgang und Harn zurückhielte, zur rechten Zeit abzugehen. Vielmehr muss man, wenn jene Säfte sich noch vermehren, so dass die Körperschmerzen sich mehren, ein Heilmittel anwenden, dass sie desto leichter abfliessen.
Von Reinigungstränken. Magenreinigende Tränke nützen denjenigen Menschen nicht, die sehr krank sind und derartig gebrechlich, dass sie von Lähmungen heimgesucht werden (a paralysi fatigantur); noch auch denen, in denen die Flüsse nach Art übergetretener Gewässer beständig hierhin und dorthin sich ergiessen. Solche schaden die Tränke mehr, als sie nützen. Denn da sich derartige Flüsse vom Magen aus zwischen Haut und Fleisch verbreiten und in den Adern nach verschiedenen Richtungen strömen, sind sie nicht mehr im Magen und würden von den Tränken, die der Mensch dem Magen zuführt, nicht mehr vertrieben werden können. Solchen gichtbrüchigen (qui de gutta paralysi conteruntur) und an Rheumatismus leidenden Leuten (qui de praefatis humoribus fatigantur) nützen vielmehr Pulver von heilsamen Kräutern und kostbare Wohlgerüche ... Den unten beschriebenen Gesundheitstrank sollen nur solche nehmen, die weder sehr gesund noch sehr krank sind ...; auch solche, die völlig gesund sind, damit ihnen die Gesundheit erhalten bleibe; auch solche, die von mannigfaltigen und vielen Speisen fette, eitrige Säfte in sich haben ...; endlich auch solche, die nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen haben ... Man nehme ihn aber im Juni oder Juli, vor dem August, nüchtern und ohne andres Gewürz ... Wenn man nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen empfindet, nehme man ihn im October. Auch andere Tränke nimmt Jedermann besser in oben genannten Monaten als in anderen.
Von der Diät. Wer gesund sein will, muss nach natürlicherweise warmen Speisen natürlicherweise kalte geniessen, nach kalten warme, nach trockenen feuchte, nach feuchten trockene - gekochte oder ungekochte ... damit sie sich gut miteinander vermischen ... Wenn man verschiedenartiges Fleisch und übermässig warme und auserlesene Speisen durcheinander zu sich nimmt, erregt ihr Saft das Mark so stürmisch, dass es wollüstig wird. Darum soll man nur einfach gewürztes und mässig gekochtes Fleisch geniessen, nicht zu warmes, auserlesen mit allen möglichen Zuthaten bereitetes und scharf gewürztes ... So vernichtet auch starker, köstlicher Wein die Kraft der Blase des Menschen, so dass sie seinem Mark nicht den gehörigen Lebenssaft zu schaffen vermag ... Wer den trinken will, muss ihn zuvor mit Wasser mischen..., auch den sogenannten Ungarwein ...Ueberhaupt soll man jede Speise und jeden Trank anständig und in Maassen zu sich nehmen ...Ist man gesund, muss man sich in angegebener Weise beim Essen und Trinken in Acht nehmen, um gesund zu bleiben; ist man leidend, möge man sich durch Fleischgenuss mässig und vorsichtig stärken, abe auch dann nur verdünnten Wein trinken. – Wenn einer zu fettes Fleisch oder andere zu fette Speisen ... geniesst, ist ihm dies mehr schädlich als nützlich ... Ist Jemand dürr an Gliedern und Körper, so möge er fettes Fleisch ... essen ... Bier macht dick und verleiht vermöge der Kraft des Getreidesaftes dem Antlitz eine schöne Farbe. Wasser schwächt und verursacht einem Schwächlichen Eiter an der Lunge ... Trinkt aber ein gesunder Mensch bisweilen Wasser, so wird ihm dies nichts schaden ... Wenn ein Mensch sich selbst zum Erbrechen zwingt oder irgend ein Gewürz nimmt, wodurch er das Erbrechen hervorruft, das ist ihm nicht gesund und heilsam ... Erbrechen, welches von selbst kommt, ist besser, als das durch irgend ein Mittel hervorgerufene.
Von Blattern. Wenn manche Menschen im Essen übermässig enthaltsam sind und ihrem Körper nicht die gehörige Erfrischung zukommen lassen und andere leichtfertig in ihren Sitten sind und andere unter Entkräftung zu leiden haben, dann können gleichsam Stürme in ihrem Leibe sich erheben ... und es ereignet sich, dass in den Gliederbändern oder an einem andern Körpertheile [die wässrigen und feurigen Elemente] mit einander in Streit gerathen und eine Blatter mit Fleischgeschwulst entstehen lassen. Drei Arten giebt es von diesen Blattern. Eine ist schwarz; sie entsteht von zu grosser Feuerskraft, bringt dem Menschen Gefahr und droht ihm den Tod wie ein Wolkenbruch, der Alles zerstört und vernichtet, worauf er fällt. Die andere ist grau ...; sie verletzt den Menschen, tödtet aber nicht ... Die dritte ist weiss ...; sie schwächt den Menschen, vernichtet ihn aber nicht ... Die schwarze ist gefahrvoll und fast unheilbar, die graue und weisse sind leichter als die schwarze und können geheilt werden.
Von Geschwulst, Geschwüren u.s.w. Durch widerstreitende Säfte, gute und böse, werden Fleisch und Adern des Menschen dick, wie Mehl vom Sauerteig aufgeht. Geschwülste, die von Herz, Lunge, Magen und anderen inneren Theilen ausgehen und in unrichtigen, übermässigen Widerstreit gerathen, werden zuweilen hartnäckig, schlüpfrig und warm. Bleiben sie in dem Menschen, schaden sie seiner Gesundheit, brechen sie äusserlich auf, so machen sie ihn gesund. Wenn sie an eine oder mehrere Stellen so gerathen, dass dort ein oder mehrere Geschwüre entstehen, so lasse man sie reif werden und aufbrechen ...;wenn sie dann ausgeflossen sind, soll man Medicin und Salben anwenden. Wenn sich aber von bösen Säften am ganzen Körper ein Ausschlag bildet, dann warte man, bis sich die Haut zwischen den Geschwüren röthet und trocken wird, und dann wende man passende Salben an und warte nicht länger, damit die Haut nicht noch mehr schmerzhaft schwärt und eitert.
Vom Aussatz ...Der Aussatz in Folge von Schlemmerei ruft rothe Geschwülste ähnlich wie die Drachengeschwulst hervor; der von der Leber herrührende macht Einschnitte in Haut und Fleisch bis zu den Knochen; der von der Wollust stammende bewirkt breite rindenartige Geschwürflächen, unter denen das Fleisch roth ist. Die beiden ersten Arten sind schwer zu heilen, die dritte leicht.
Gegen Haarschwund. Wenn einem jungen Menschen die Haare ausfallen, so mische er Bärenfett und Staub von Weizenkleie und salbe damit das ganze Haupt, besonders da, wo der Haarschwund ist. Diese Salbe muss er lange auf dem Kopfe lassen ...
Gegen Kopfschmerz. Wenn der Kopf in Folge melancholischer Fieber schmerzt, so nehme man Malve und Salbei und zerstosse sie in einem Mörser zu Saft, thue ein wenig Baumöl dazu, oder wenn man dies nicht hat, Essig und bestreiche damit den Kopf vom Scheitel bis zum Hinterhaupt und lege ein Tuch darauf; das geschehe 3 Tage lang. Während dieser Zeit erneuere man mit Baumöl oder Essig [die Salbe] oder träufele solches darüber; dann wird es einem besser gehn ...
Gegen Verrücktheit. Wenn einer erkältetes Gehirn hat und verrückt wird, nehme man Lorbeerfrüchte, pulverisire sie, mische und knete das Pulver mit Weizenmehl und schmiere diesen Teig, nachdem die Haare abrasirt sind, auf dem Kopf und lege einen Verband von Filz darüber, damit das Gehirn wieder warm werde und [der Patient] schlafen kann ... Wenn der Teig trocken geworden ist, mache man einen neuen u.s.w. ... und er wird wieder zu Sinnen kommen.
Gegen Migräne. Gegen Migräne bereite man ein ganz feines Pulver aus Aloë- und Myrrhen-[wurzel], nehme Weizenmehl und Mohnöl dazu und stelle daraus eine Art Teig her, bestreiche das ganze Haupt bis zu den Ohren und dem Halse damit, ziehe eine Mütze darüber und lasse den Teig drei Tage und Nächte lang liegen ...
Gegen Kopfschmerz, der von Magendunst herrührt. Wenn man in Folge Genusses einer saftreichen Speise Kopfschmerzen hat, nehme man Salbei, Thymian und Fenchel zu gleichen Theilen und mehr als drei Theile Andorn, zerquetsche dies zu einem Safte und thue nach Gutdünken Butter oder, wenn diese nicht zu haben ist, Fett an und schmiere mit dieser Salbe den ganzen Kopf ein; dann tritt eine Besserung ein ... [Ein anderes Recept:] Man nehme Olivenöl und etwas weniger Rosenwasser und lasse dies in einer Pfanne aufkochen; dann zerstosse man Nachtschatten und Beifuss in geringerer Menge als das Olivenöl zusammen in einem Mörser, filtrire dies und thue den Saft an den Inhalt der Pfanne und lasse zum zweiten Mal aufkochen. Dann filtrire man wieder und thue den Saft in ein neues irdenes Gefäss. Dann bestreiche man damit Schädel, Stirn und Schläfen, wo sie schmerzen, und binde um Stirn und Schläfen ein in Wachs getauchtes Leinentuch, damit die Salbe nicht abgewischt werde ...
Gegen Kopfschmerz, der vom Schleim entsteht. Gegen Schmerz im Vorderkopf in Folge übermässigen Schleimes zerkaue man eine weisse Erbse, mische den Brei mit reinem Honig, lege dies auf die Schläfen und mache einen Verband darum ...
Gegen Lungenübel. Man nimmt Galgant und Fenchel zu gleichen Theilen und zweimal so viel Muscatnuss und so viel Bertram, dass Muscat und Bertram gleiches Gewicht haben, pulverisirt und mischt dieses und isst täglich nüchtern von diesem Pulver zwei Drachmen [nummi] mit einem Stückchen Brot und trinkt gleich darauf etwas warmen Wein; auch andre wohlriechende heilsame Kräuter mag man nüchtern und nicht nüchtern häufig essen, damit ihr Wohlgeruch zu den Lungen dringe und den üblen Athem benehme. Wer irgend welche Lungenübel hat, muss fettes Fleisch und blutreiche Speisen meiden, auch in Fäulnis übergegangenen Käse [coctum caseum], da durch diese Eiter an der Lunge erzeugt wird. Auch Erbsen, Linsen, rohes Obst und rohes Gemüse darf er nicht essen, Nüsse und Oel muss er vermeiden; nur mageres Fleisch darf er essen, nicht zersetzten und zu frischen [crudum] Käse, sondern trocknen; wenn er Oel geniessen will, darf er nur wenig nehmen, Wasser aber darf er nicht trinken. Auch neuen und jungen Most darf er nicht geniessen ..., Bier schadet ihm nicht viel, weil es gekocht ist, Wein muss er vermeiden, vor feuchter, nebliger Luft muss er sich in Acht nehmen.
Gegen Verrücktheit. Wenn Jemand in Verstand und Empfindung durch viele mannigfaltige Gedanken entkräftet wird, so dass er verrückt wird, muss er Gras [?] und dreimal soviel Fenchel in Wasser kochen, die Kräuter wegwerfen und das Wasser, nachdem es abgekühlt ist, häufig trinken ... Er muss trockene Speisen vermeiden ... und gute und auserlesene essen ..Auch Mehlbrei mit Butter oder Fett—nicht aber mit Oel—angerichtet darf er geniessen ... Wein darf er nicht trinken ... ebensowenig Meth ..., auch kein reines Wasser ..., sondern genannten Trank und Bier ... Den Kopf muss er bedecken mit einer Mütze aus Filz oder reine Wolle ... [Ein anderes Recept:] Man nehme Muscatnuss und zweimal so viel Galgant, pulverisire dies, nehme zu gleichen Theilen Gladiolen- und Wegerichwurzel, aber von beiden zusammen weniger als von der Muscatnuss, und zerstosse sie unter Zusatz von Salz. Aus all diesem und Weizenmehl und Wasser bereite man eine dünne Suppe und gebe sie dem Kranken zu trinken.
Gegen Augenleiden. Wenn Wasser und Blut in den Augen in Folge hohen Alters oder einer Krankheit schwinden, so suche man grünen Rasen auf und blicke auf diesen so lange hin, bis die Augen thränen ... Oder man gehe an einen Fluss oder giesse frisches Wasser in ein Gefäss, beuge sich darüber und lasse die Feuchtigkeit des Wassers in die Augen steigen ... Oder man nehme Leinwand, tauche sie in kaltes, reines Wasser und lege sie um Augen und Schläfen, wobei man sich zu hüten hat, dass man die Augäpfel berühre, damit sie nicht zu schwären anfangen ... Wenn man graue Augen hat und eine Dunkelheit oder Schmerz daran empfindet, nehme man, wenn die Schmerzen noch nicht lange dauern, Fenchel oder Fenchelsamen, zerreibe dies und nehme den Saft und Thau von reinem Rasen und Weizenmehl, stelle daraus eine Paste her (tortellum commisceat) und lege sie Nachts auf die Augen und decke ein Tuch darüber ... Wenn einer brennende Augen hat und Dunkelheit oder Schmerzen empfindet, nehme er Veilchensaft und zweimal so viel Rosensaft und Fenchelsaft gleich einem Drittel des Rosensaftes, giesse ein wenig Wein hinzu und streiche, wenn er schlafen geht, dieses Collyrium auf die Augengegend ... Wer Augen hat wie eine Wolke, in der ein Regenbogen erscheint, und Dunkelheit oder Schmerz empfindet, lege caliminum [? mhd. Kalemîn, eine Steinart] in reinen Weisswein und nehme ihn am Abend, wenn er schlafen geht, heraus und bestreiche mit dem Wein die Augenlider von aussen, nehme sich aber in Acht, die Augen innen zu berühren ... Wenn einer Augen hat wie eine Sturmwolke, die nicht ganz feurig und nicht ganz stürmisch ist, sondern bläulich, und Dunkelheit oder Schmerz an ihnen empfindet, zerreibe, wenn es Sommer ist, Fenchel, oder wenn es Winter ist, Fenchelsamen und mische ihn mit gut abgeklärtem Eiweiss und lege dies, wenn er schlafen geht, auf die Augen ... Wer schwarze Augen hat oder so stürmische, wie manche Wolken sind, und irgendwie Dunkelheit oder Schmerzen empfindet, nehme Rautensaft und zweimal so viel reinen Honig und mische dazu etwas reinen guten Wein, thue dazu ein Krümchen Weizenbrot und lege es Nachts mit einem Tuche auf seine Augen ... Wer ein Gerstenkorn [? albuginem, vergl. Progr. S. 21] hat, nehme, wenn es noch frisch ist, Ochsengalle und lege sie so frisch des Nachts auf die Augen und befestige sie mit einem Verbande, damit sie nicht abfallen kann, und verfahre so drei Tage lang ... Nach drei Tagen nehme man Bockshornklee [fenugraecum] mit Rosenöl und lege es auf die Augen ... Wenn einer thränende Augen hat, nehme er ein Feigenblatt, das in der Nacht bethaut ist und von der Sonne noch am Zweige erwärmt ist und lege es so erwärmt auf ... Wenn er ein Feigenblatt nicht bekommen kann, nehme er ein Erlenblatt [und verfahre ebenso], doch nicht jeden Tag, sondern jeden dritten und nur einmal am Tage. Wenn er diese Blätter nicht bekommen kann, nehme er Harz vom Pfirsich- oder Pflaumenbaum, thue davon etwas in eine Nussschale und erwärme sie an einem heissen Ziegelstein oder am heissen verschlossenen Ofen und lege sie mässig erwärmt auf die Augen, so lange sie noch warm ist. Das thue er jeden vierten Tag einmal am Tage ...
Gegen Gehörleiden. Wenn in Folge des Schleimes oder irgend einer Krankheit das Gehör des Menschen gestört wird, nehme er weisses Harz und lasse es auf glühender Kohle verdampfen und den Dampf in das verhärtete Ohr steigen, aber nicht zu häufig ...
Gegen Zahnschmerz. Wer in Folge eitrigen Blutes oder Schnupfens [de purgatione cerebri] Zahnschmerzen hat, nehme zu gleichen Theilen Wermuth und Verbene und koche sie mit gutem reinem Wein in einem neuen Gefäss und filtrire diesen Wein und trinke ihn mit einem geringen Zuckerzusatz. Man kann auch die genannten Kräuter, nachdem sie in beschriebener Weise gekocht sind, auf die Kinnbacken da, wo man Schmerzen hat, zur Schlafenszeit auflegen und einen Verband darüber thun. [Ein anderes Recept:] Bei Zahnschmerzen schneide man mit einem kleinen Schnepper oder Dorn das Zahnfleisch an dem kranken Zahn ein, damit sich der Eiter entfernt; dann wird es besser ... Wer gesunde und feste Zähne haben will, nehme Morgens nach dem Aufstehen reines und kaltes Wasser in den Mund und behalte es eine Weile [per modicam horam, mhd. kurze stunt] darin, damit der Eiter an den Zähnen erweiche, und wasche so mit dem Wasser im Munde die Zähne; dann wird Eiter an den Zähnen nicht mehr entstehen, sondern sie werden gesund bleiben. Wenn aber der Wurm die Zähne zerfrisst, nehme man Aloe und Myrrhen zu gleichen Theilen, erhitze sie in einem irdenen Gefäss mit enger Oeffnung über glühenden Buchenholzkohlen und lasse den Dampf durch einen engen Strohhalm an den schmerzenden Zahn ziehen, indem man die Lippen öffnet, aber die Zähne zusammenpresst, damit nicht zu viel Dampf in die Kehle dringt, und thue das zwei- oder dreimal täglich fünf Tage lang; dann wird man geheilt.
Gegen Herzleiden. Wenn in den Eingeweiden und in der Milz zuviel böse Säfte entstehen und durch Melancholie viele Herzleiden verursachen, nehme man Galgant und Bertram zu gleichen Theilen und weissen Pfeffer gleich dem vierten Theil eines derselben oder, wenn weisser Pfeffer nicht zu haben ist, Pfefferkraut, viermal soviel als weissen Pfeffer, und bereite ein Pulver davon. Dann fügt man Bohnenmehl dem Pulver hinzu und mischt dies mit Bockshornkleesaft ohne Wasser, Wein oder eine andere Flüssigkeit. Daraus bereitet man kleine Kuchen und lässt sie in der Sonnenhitze dörren; man muss sie also im Sommer, wenn man Sonne haben kann, bereiten, damit man in Winter welche habe. Diese Kuchen esse man nüchtern und nach dem Frühstück. Ferner nehme man Lakritzen und fünfmal soviel Fenchel, dazu Zucker soviel wie Lakritzen und etwas Honig und bereite daraus einen Lautertrank [Progr. S. 16] und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück gegen Herzschmerzen. [Ein anderes Recept:] Man nimmt weissen Pfeffer, dazu Kümmel zum dritten Theil davon und Bockshornklee zur Hälfte vom Kümmel [quantum medietas cumini pensat], macht ein Pulver daraus, und wenn die Herzschmerzen anfangen, ehe noch eine Herzschwäche eintritt, isst man mit ein wenig Brot dieses Pulver nüchtern und nach dem Frühstück.
Gegen Lungenleiden. Wenn böse, garstige Säfte Dunst in das Gehirn aufsteigen lassen und diese dann auf die Lunge schlagen und dort Schmerzen hervorrufen, nimmt man Lungwurz [Pulmonaria officinalis L.], koche die Pflanze in Wasser—nicht in Wein ... lasse sie gekocht in einem Topf stehen und trinke eine Woche lang davon, nachdem man filtrirt hat. Man nimmt dies Getränk, das man erneuern muss, wenn es ausgetrunken ist, täglich nüchtern und nach der Mahlzeit. [Ein anderes Recept:] Man kocht Wachholderbeeren, zweimal soviel Wollblume und viermal soviel Bertram in gutem reinen Wein, lässt dies darauf in einem Topfe und giebt rohen, in Stücke zerschnittenen Alant hinzu, filtrirt und nimmt das Getränk zwei oder drei Wochen lang nüchtern und auch nach der Mahlzeit, bis man gesund ist. [Ein anderes Recept:] Man nimmt Dill, Liebstöckel und Brennnessel zu gleichen Theilen, kocht sie in gutem, reinem Wein u.s.w. ...
Gegen Leberverhärtung. Wenn in Folge übermässigen Genusses vielfältiger Speisen und davon herrührender schlechter Säfte die Leber leidet und verhärtet ist, nehme man Huflattich [minner hufladecha] und zweimal soviel Wegerichwurzeln und Blätter [?muos] einer Birnmistel [vielleicht ist das innere einer B. gemeint], soviel wie Huflattich, zerschneide die beiden ersten Kräuter in kleine Stücke, durchbohre sie mit einer Ahle oder einem anderen kleinen Instrument, stecke in die Löcher die Mistelblätter und lege sie so in reinen Wein. Man nimmt auch im Gewicht von einer Drachme von der Anschwellung, die auf einem Nussblatt oder Nusszweig bohnen- oder erbsenähnlich wächst, und legt dies in jenen Wein; dann trinkt man ihn nach dem Frühstück oder nüchtern ungekocht ... Auch Maulbeerwein soll solch Kranker oft asl Getränk nehmen ..., Speise aber mit Essig würzen ... Auch Weizenbrot mag er geniessen, wie Einige es als Delicatesse in Einschnitte eines Schweinerückens legen und mit Wein tränken ...
Gegen Milzleiden. Wenn man eine rohe Speise geniesst, gelangen die schlechten Säfte dieser Speise, weil sie durch kein Gewürz gemildert sind, bisweilen in die Milz und rufen dort Schmerzen hervor. Dann nehme man Gartenkerbel und etwas weniger Dill und stelle mit Weizenmehl in Essig Würzkuchen zum Essen her ... Dann nimmt man Leinsamen, kocht ihn in einer Pfanne, giesst das Wasser ab und legt ihn in einem Säckchen, so warm es ertragen werden kann, in der Milzgegend auf den Körper ...
Gegen Magenleiden. Wenn unverdaute Speisen im Magen käsig und hart werden und Schmerzen hervorbringen, nehme man Hundszahn [? mit dactilosa im Text is Panicum dactylum gemeint oder Paeonia officinalis], den vierten Theil davon Eberraute und noch weniger Fünfblatt, zerquetsche dies in einem Mörser und koche es in gutem reinen Wein derartig, dass der Wein zwei Drittel mehr als der Pflanzensaft ist, filtrire dies alles und giesse es in ein Glas oder neuen Topf. Dann giesst man den so hergestellten Würzwein in eine Pfanne, hält zwei- oder dreimal glühenden Stahl hinein und wirft, wenn der Wein durch den Stahl zu kochen beginnt, Galgantpulver oder etwas Pfeffer dazu oder, wenn man kein Galgantpulver hat, Bertrampulver und trinkt den mit glühendem Stahl erwärmten Wein nüchtern. Denselben Wein kann man auch in kleinen Portionen fünf Tage lang nüchtern trinken, muss ihn aber immer erst mit Stahl erwärmen. Nach fünf Tagen thut man Weizenbrot oder Weizenmehl zu diesem Wein und bereitet eine Suppe, zu der man des Wohlgeschmacks wegen ein Eigelb fügt, doch ohne Fett und Oel, und geniesst diese Suppe wieder fünf Tage lang. Hierauf trinkt man wiederum besagten Wein erwärmt, bis es einem besser geht.— Auch rohen Ysop, den man in Wein gelegt hat, mag man häufig essen und den Wein trinken. — Kann man eine genossene Speise nicht verdauen, so nehme man zwei Drachmen Saft von Osterluzei und eine Drachme Bibernellensaft und Springkrautsaft [citocacia; so erklart die Strassburger Ausgabe der Physica vom Jahre 1533] im Gewicht von einem Skrupel [obolus] und einen Skrupel Ingwer und etwas Weizenmehl und stelle daraus Pastillen her in der Grösse eines Groschens [nummus], aber etwas dick, und erwärme sie an der Sonne oder in einem lauwarm gewordenen Ofen. Wer nun an Verdauungsbeschwerden der angegebenen Art leidet und innerlich warm ist, so dass die Speise in ihm zersetzt [exustus] ist, nimmt frühmorgens nüchtern eine Pastille; wenn aber vor innerlicher Kälte die Speise in ihm erstarrt und sich zusammenballt, nimmt er ebenso 2 oder 3 Pastillen. Die erste Nahrung, die er dann zu sich nimmt, muss Suppe sein; dann kann er auch andere gute und leichte Speisen essen. So verfährt er, bis er merkt, dass sein Magen frei ist. [Ein anderes Recept:] Man nimmt Ingwerpulver, mischt es mit dem Safte der sogenannten Ringelblume, macht aus diesem Pulver und etwas Bohnenmehl Pastillen und erhitzt sie in einem mässig warmen Ofen und nimmt sie nach dem Frühstück oder nüchtern.
Gegen Zerreissung des Segels. [? de sifac ruptura, entstellt
aus siphari ruptura? Gemeint sind offenbar Hernien]. Wenn bei einem Menschen
durch irgend einen Zufall die innere Haut, welche die Eingeweide einschliesst,
zerreist, so nehme er Eppich und zweimal soviel Schwarzwurz und koche die
Kräuter in gutem Weine auf, entferne sie dann, thue dann in den Wein
etwas Zittwerpulver und Zucker im Gewichte des Eppichs und ein gut Theil
gekochten Honig, koche dann den Wein wieder und seihe ihn wie Lautertrank
durch ein Säckchen und nehme nach der Mahlzeit davon und zur Nacht,
und zwar häufig. — Die in dem Wein gekochten Kräuter legt man
warm auf die Stelle, wo die innere Eingeweidehaut gerissen ist. Man kann
auch die Wurzel vom Schwarzwurz in kleine Stücke zerschneiden und
sie roh in Wein liegen lassen, bis er nach ihnen schmeckt, und den Wein
stets trinken, bis man gesund ist.
© Ann E. Wild
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