Therapeutische Monatsheft, 16.Jahrgang, December 1902, Berlin
Die Schrift der Aebtissin Hildegard über Ursachen und Behandlung der Krankheiten
übersetzt von Dr. phil. Paul Kaiser
[Fortsetzung: (Teil 5 von 5)]
Gegen Nierenschmerzen. Wenn man an Nieren- und Lendenschmerzen leidet, rührt das häufig von Magenschwäche her; man nimmt dagegen Raute und Wermut zu gleichen Theilen und Bärenfett in grösserer Menge, rührt das zusammen und reibt sich mit dieser Salbe die schmerzende Nieren- und Lendengegend am Feuer stark ein.
Gegen Seitenstechen. Wenn ein böser Dunst vom Magen zu den Weichen steigt und dort Schmerzen erregt, nehme man Salbei, ebensoviel Arnica [Stichwurz], zehnmal soviel Raute als Salbei und koche diese Kräuter in einem neuen Topfe bis zum ersten Aufwellen; dann drücke man das Wasser aus den Kräutern und lege sie auf die schmerzende Stelle und einen Verband darüber. [Ein anderes Recept:] Man nimmt Leinsamen und ¾ davon Pfirsichharz und kocht dies in einer Kohlenpfanne. Dann zerquetscht man eine Birnbaummistel im Mörser, so dass der Mistelsaft mehr ausmacht als das Harz und wie Birnsaft ist [?], und lasse ihn in einer Pfanne in ähnlicher Weise wieder aufkochen. Dann durchlöchert man ein Tuch mit einer Ahle, filtrirt durch dieses und giesst Alles in ein neues mit Wachs überstrichenes irdenes Gefäss und salbt den Kranken an der schmerzenden Stelle am Feuer.
Gegen Geschwulst des Gliedes. Wenn in Folge schädlicher Säfte eine Geschwulst am männlichen Gliede entsteht und dort Schmerzen hervorruft, nimmt man Fenchel und dreimal soviel Bockshornklee und etwas Kuhbutter, verrührt das und streicht es darüber ... Dann nimmt man Malzkuchen, erweicht und erwärmt sie in etwas warmen Wasser und legt sie auf die Geschwulst.
Gegen Harnzwang. Wenn man vor Magenkälte den Urin nicht halten kann, so trinke man häufig warmen Wein, würze alle Speisen mit Essig und trinke auch Essig, sowie man Gelegenheit hat ... Man kann auch Salbei in Wasser kochen, das Wasser filtriren und warm häufig trinken.
Gegen Impotenz. Ein Mann, dem der Samen abgeht, so dass er nicht zeugen kann, nimmt Haselkätzchen und zum dritten Theil davon Mauerpfeffer und zum vierten oder fünften Theil von Mauerpfeffer Winde und etwas gewöhnlichen Pfeffer und kocht dies zusammen mit der Leber eines jungen Hirsches, der schon reif ist zur Fortpflanzung, fugt auch etwas frisches, fettes Schweinefleisch hinzu. Die Kräuter wirft man weg, das Fleisch isst man, taucht auch Brot in die Brühe und isst es, und dieses Essen wiederholt man häufig ...
Gegen Unfruchtbarkeit. Einem Weibe, dessen Gebärmutter kalt und zu schwach zur Empfängniss ist, kann auf folgende Art, wenn Gott will, geholfen werden, dass sie fruchtbar werde. Man nimmt die Gebärmutter eines Lammes oder einer Kuh, die schon fortpflanzungsfähig, aber noch unberührt sind und nocht nicht getragen haben, und kocht sie mit Speck und anderem fetten Fleisch und Fett und giebt das der Frau zu essen, wenn sie mit einem Gatten verbunden ist oder bald verbunden werden soll.
Gegen Podagra. Wer in den Beinen oder Füssen an Podagra leidet, kann sich, wenn die Schmerzen noch nicht lange dauern, recht viel Schröpfköpfe auf die Beine setzen, indem er vom Knöchel anfängt, aber unblutige, damit die Säfte dort zusammengezogen werden; dann nimmt er sie weg und setzt sie an einer höheren Stelle, bis wiederum dorthin die Säfte aufsteigen. So verfährt er, ohne einzuschneiden, bis er zur Nase gelangt; dann befestigt er eine Binde oberhalb des Knies, damit die Säfte, die er durch die Schröpfköpfe dorthin gezogen hat, nicht wieder hinabgehen, und setzt zwischen Gesäss und Kreuz blutige Schröpfköpfe und zapft die schlechten Säfte ab ...
Gegen Fisteln. Wenn man in Folge reichlicher böser Säfte eine Fistel am Körper hat, nehme man oft Reinigungstränke, bis sich die Säfte verringern. Wenn sich dann an der leidenden Stelle die Haut zusammenzieht, als ob die Heilung bevorsteht, und die Stelle doch wieder aufbricht, nehme man wieder Reinigungstränke u.s.w.
Gegen Geschwüre. Wenn ein Geschwür oder eine Pustel heftige Schmerzen verursacht, bevor es aufbricht, so überziehe man ein Leinentuch mit neuem Wachs, tauche es in Olivenöl und lege es über das Geschwür. Dadurch wird das Geschwür erweicht und geht leichter auf, die Säfte werden herausgezogen und es kommt leichter zur Heilung. Wenn es aber die sogenannte segena-Pustel ist [vielleicht mhd. segene, Zugnetz], lege man nichts auf; denn sie ist gefährlich.
Gegen Eiterungen. Wenn Feuchtigkeit und böse Säfte, ohne dass ein giftiges Geschwür da ist, die Haut brechen und irgendwo sich vereinigen und ausfliessen, nimmt man Beifuss und quetscht dessen Saft im Mörser aus und thut so viel Honig hinzu, dass der Beifusssaft 1/3 mehr beträgt als der Honig, und streicht dies auf die schmerzende Stelle. Dann streicht man Eiweiss darüber und legt einen Verband an und verfährt damit so lange, bis Heilung erfolgt.
Gegen Schlaflosigkeit. Wer in Folge irgend einer Widerwärtigkeit nicht schlafen kann, nehme, wenn es Sommer ist, Fenchel und zweimal soviel Schafgarbe, koche sie etwas in Wasser, presse das Wasser aus und lege jene Kräuter warm auf Schläfen, Stirn und Haupt und binde ein Tuch darüber. Auch nehme man frische Salbei, besprenge sie etwas mit Wein und lege sie so auf die Herzgegend und den Hals und binde ein Tuch darüber; dann wird der Leidende durch Schlaf erquickt werden. Im Winter koche man Fenchelsamen und Schafgarbenwurzel und lege sie, wie beschrieben, auf Schläfen und Haupt, und Salbeipulver in Wein gelöst aufs Herz u.s.w.
Gegen Ausbleiben der Menstruation. Ein Weib, welches unter Schmerzen am Ausbleiben der Reinigung leidet, nehme Anis [anesum] imd Tausendgüldenkraut [?febrifuga] und Wollkraut etwas mehr als eines der beiden ersten und kocht sie in offenem, fliessendem Wasser, das von Sonne und Luft erwärmt ist; legt dann Backsteine ins Feuer und stellt mit besagtem Wasser und den Kräutern ein Dampfbad her. Wenn sie dann das Bad betritt, legt sie die warmen Kräuter auf eine Fussbank, setzt sich darauf und legt auch die Kräuter warm auf die Geschlechtstheile bis zum Nabel und um den ganzen Nabel herum. Wenn sie kalt werden, erwärmt sie sie in demselben Wasser und verfährt wie vorher, so lange sie in dem Bade verweilt ... Dann nimmt sie rifelbere [?Stachel- oder Ahlbeere. Progr. S. 7], den dritten Theil davon Schafgarbe, den drittenTheil davon wieder Raute, Osterluzei soviel wie rifelbere und Schafgarbe und recht viel Diptam, und zerstösst dies alles in einem Mörser und kocht es mit gutem reinen Wein in einem neuen Topfe, giesst Alles in ein Säckchen, kocht recht viel zerstossene Gewürznelken und etwas weniger weissen Pfeffer und frischen reinen Honig in gutem Wein und giesst diesen zu den Kräuterwein im Säckchen und stellt so einen Lautertrank her; den nimmt sie täglich nach dem Frühstück und nüchtern, aber nicht im Bade, da das Bad die Verdauung etwas hemmt. Sie koche sich auch eine Suppe aus Eiern, reichlichem Fett und etwas Liebstöckelsaft und nimmt diese vor und nach der Mahlzeit. So verfährt sie 5 – 15 Tage lang, bis die Reinigung erfolgt; solange sie aber leidend ist, vermeide sie Rindfleisch und anderes schweres Fleisch, geniesse aber leichtes und trinke Wein; und wenn sie einmal Wasser trinken will, trinke sie Brunnenwasser; Quellwasser und Flusswasser vermeide sie, weil es härter ist als anderes Wasser, und koche das Flusswasser und lasse es abkühlen, bevor sie trinkt, weil dies hierdurch weich [suavis] wird.
Gegen übermässige Menstruation. Ein Weib, das zur unrechten Zeit an zu starker Menstruation leidet, soll Leinwand in kaltes Wasser tauchen und damit häufige Umschläge auf die Schenkel machen ... Sie koche auch Eppich in Wasser und lege ihn warm auf Schenkel und Nabel ... Ferner lege sie Betonie [pandonia] in Wein, so dass er danacht schmeckt, und trinke ihn häufig ... und drücke und bewege alle Bein-, Bauch-, Brust- und Armadern mit Händen sanft aufwärts, damit sie in Ordnung bleiben und dem Blut den rechten Weg weisen. Sie darf auch nicht viel arbeiten und sich durch Gehen nicht zu sehr ermüden, damit dadurch nicht das Blut in Wallung kommt; auch darf sie keine harten und scharfen Speisen geniessen, die schlecht verdaulich sind, sondern nehme so lange weiche, leichte Speisen, die zuträglich sind, und trinke Wein und Bier ...
Gegen schwere Geburt. Wenn eine Schwangere schwere Geburt hat, möge man mit grosser Vorsicht angenehme Kräuter, Fenchel und Haselwurz, in Wasser kochen, das Wasser abgiessen und die Kräuter warm auf ihre Schenkel und Rücken legen und ein Tuch leicht darüber binden, damit der Schmerz gelindert und die Geburtswege geöffnet werden ...
Zur Beförderung des Stuhlganges und Auswurfes. Um vom Speichel, Stuhlgang und Nasenschleim befreit zu werden, nehme man Odermennig und zwiemal soviel Bockshornklee, zerquetsche sie in einem Mörser und drücke ihren Saft aus und thue dazu einen Skrupel Saft vom Ruprechtskraut [storchesnabel]. Dann nimmt man Galgant in der Menge von den genannten Kräutern, Storax im Gewicht von 6, Polypodium [?vielleicht Archangelica offic., Engelwurz] von 2 Drachmen, pulverisirt dies, macht aus dem Pulver und dem genannten Saft einen steifen Brei und stellt bohnengrosse Pillen daraus her; dann drückt man aus Schöllkraut den Saft aus und taucht eine Pille in 1/4 Drachme Schöllkrautsaft ein und legt sie zum trocknen in die Sonne. So verfährt man mit jeder Pille, indem man zu jeder 1/4 Drachme von jenem Saft verwendet und die Pille an der Sonne trocknet, nicht aber am Herdfeuer oder im Ofen. Wenn man keine Sonnenwärme haben kann, lege man sie an sanft wehende Luft ... Wenn man aber diese Pillen nicht nehmen mag, lege man auf die Magengegend Lamm- und andere Felle, damit der Magen erwärmt werde – denn ihre Wärme ist gesund ... und trage warme Kleidung und nehme sie [wohl die Pillen] schon vor Sonnenaufgang ... 5 bis 9 in der Weise, dass man jede einzelne in Honig taucht und verschluckt ... in einem Weizenküchlein im Löffel wegen des guten Geschmackes dieses Küchleins. Und nachdem man eingenommen hat, gehe man ein wenig auf schattigem Platze umher, nicht in der Sonnenwärme, bis man Lösung verspürt ... Zu Mittag aber, wenn man Lösung verspürt oder wenn der Magen so verhärtet ist, dass man noch keine hat, esse man zunächst Suppe oder Weizenmehlbrei, damit die durch die Lösung angegriffenen Därme durch die Suppe oder den Brei sich erholen oder der verhärtete Magen erweicht werde.
Gegen Nasenbluten.Wenn man starkes Nasenbluten hat, nehme man Dill und zweimal soviel Schafgarbe und lege diese Kräuter frisch auf Stirn, Schläfen und Brust ... Im Winter pulverisirt man sie und legt sie mit Wein angefeuchtet in einem Säckchen auf Stirn, Schläfen und Brust ...
Gegen Schnupfen. Wenn man an starkem Schnupfen leidet, lege man Fenchel und viermal soviel Dill auf einen Dachziegel oder erwärmten Backstein und wende die Kräuter hin und her, dass sie dampfen, und athme den Dampf durch Nase und Mund ein und esse dann die so auf dem Stein erwärmten Kräuter mit Brot. So verfahre man vier oder fünf Tage lang ...
Von Heiltränken. Wer sich Heiltränke bereiten und sie nehmen will, nehme Ingwer und die Hälfte Lakritzen und ein Drittel Zittwer, pulverisire dies und wiege dies Pulver zusammen ab. Dann nehme er Zucker im Gewicht dieses Pulvers und wiege von Allem zusammen 30 Drachmen ab. Dann nehme er eine halbe Nussschale voll ganz reines Weizenmehl und Springkrautmilch [tantum lactis de citocacia] soviel, wie eine Schreibfeder fasst, also ein Schreiber beim Eintauchen der Feder Tinte nimmt, und stelle aus Pulver, Mehl und Springkrautmilch eine kleine kuchenartige Masse her und trockne sie im März oder April, weil in diesen Monaten die Sonne weder zu warm noch zu kalt strahlt und deswegen besonders gesundheitsförderlich ist. Wenn man in diesen Monaten Springkrautmilch nicht haben kann und es auf den Mai verschieben muss, stelle man den Kuchen im Mai her und trockne ihn an der Maisonne und hebe ihn bis zur rechten Zeit auf ... Und wenn er dann den Trank nehmen will, trinke er den 4. Theil des Kuchens nüchtern. [Seltsamer Weise ist weder hier noch oben im Capitel “Von Reinigungstränken” die Flüssigkeit angegeben, in der die Paste aufgelöst werden soll.] Wenn der Magen so stark und dick ist, dass er auf diesen Trank nicht reagirt [quod tactum potionis huius non sentit], nehme man noch ein Sechstel des Kuchens, bestreiche ihn mit Springkrautmilch und trinke ihn nüchtern, nachdem er an der Sonne getrocknet ist. Bevor einer den Trank nimmt, muss er, wenn es kalt ist, sich am Feuer erwärmen und, nachdem er eingenommen hat, wachend auf dem Bett ruhen, dann aufstehen und ein wenig hin und her gehen, wobei er Kälte zu vermeiden hat. Nach der Lösung aber nimmt er Weizenbrot, nicht trockenes, sondern in Suppe getauchtes, junge Hühner, Schweinefleisch und anderes leichtes Fleisch; grobes Brot aber und Rindfleisch, Fische und andere schwere und gedämpfte Speisen – ausser gedämpften Birnen [assis piris] – muss er meiden, auch enthalte er sich von Käse, rohem Gemüse und rohem Obst, Wein trinke er mässig und Wasser unterlasse er. Vor heller Sonne und hellem Feuer hüte er sich und verfahre so 3 Tage lang ..
Gegen Ueppigkeit. Um Ueppigkeit und Wollust in sich zu unterdrücken, nehme man im Sommer Dill, zweimal soviel Wasserminze, noch etwas mehr Lungenkraut, viermal so viel Veilchenwurzel und schneide dies alles in Essig und stelle sich so eine Würze her, die man stets in allen Speisen geniesst. Im Winter pulverisirt man die Kräuter u.s.w. ...
Gegen Gedächtnissschwäche. Wer gegen seinen Willen vergesslich ist, zerstampfe Brennnessel zu Saft, thue ein wenig Baumöl dazu und salbe damit beim Schlafengehen Brust und Schläfen recht oft.....
Gegen Schlucken. Wer an Aufschlucken leidet, löse recht viel Zucker in warmem Wasser auf und trinke dies Wasser warm ... Er esse aber auch trockenen Zucker und Gewürznelken häufig nüchtern und Zittwer nach dem Frühstück, und zwar einen Monat lang ...
Gegen Vergiftung. Ein Pulver gegen Gift und Zauberworte; Gesundheit, Kraft und Glück bringt es dem, der es bei sich trägt. Man gräbt eine Wurzel von Ruprechtskraut mit ihren Blättern, ebenso zwei Malvenwurzeln, sieben Wegerichwurzeln Mitte April an einem Mittag aus, legt sie auf feuchte Erde und besprengt sie etwas mit Wasser, damit sie sich frisch halten. Wenn es gegen Abend geht, setzt man sie bis Sonnenuntergang den Sonnenstrahlen aus. Dann legt man sie wieder für die folgende Nacht auf feuchte Erde und besprengt sie mit Wasser, damit sie nicht trocken werden ... Schliesslich zerdrückt man die Kräuter, legt sie in eine neue Büchse und giebt etwas Bisam hinzu ... Diese Kräuter hält man täglich, um gesund zu bleiben oder zu werden, an Augen, Ohren, Mund und Nase, um ihren Geruch aufzunehmen. Wenn ein Mann sehr wollüstig ist, binde er die Kräuter in ein Tuch und lege dies in der Schamgegend um die Schenkel ...Wenn man nach dem Genuss einer Speise Schmerzen empfindet, halte man die Kräuter von oben in ein enges mit Wein gefülltes Gefäss, ohne dass der Wein von ihnen berührt wird, nur dass er ihren Geruch aufzieht, und bereite sich mit dem Wein eine Suppe zum Essen. Wenn einer Gift genossen hat oder unter Zauberei leidet, trinke er denselben Wein ...
Gegen Krampf. Wenn einer irgendwo am Körper einen Krampf hat, so salbe er sich an der schmerzenden Stelle kräftig mit Baumöl oder, wenn das nicht da ist, mit irgend einer werthvollen Salbe. Wenn er weder Baumöl noch eine Salbe auftreiben kann, streiche er über die Krampfstelle seine Hände unter kräftiger Bewegung hin und her.
Gegen Zorn und Schwermuth. Wenn einer zornig oder schwermüthig wird, muss er Wein am Feuer erwärmen, ihn mit kaltem Wasser mischen und trinken ... Wer aber vom Zorn so erregt wird, dass er Schmerzen leidet und krank wird, nimmt Lorbeerfrüchte und dörrt sie auf heissem Stein und trocknet [Salbei- und Majoranblätter; - die Stelle ist im lat. Text verderbt - ] an der Sonne und pulverisirt sie und thut dies Pulver mit dem Lorbeerpulver zusammen in eine Büchse so, dass Lorbeerpulver mehr ist als Salbeipulver und Salbeipulver mehr als Majoranpulver, und hält die Pulvermischung des guten Geruchs wegen an die Nase. Dann mischt er einen Theil des Pulvers mit etwas kaltem Wein und bestreicht mit dem Brei Stirn, Schläfen und Brust ...
Gegen Augenverdunkelung in Folge Weinens. Wessen Augen sich in Folge Weinens verdunkeln, presse Schafgarbe zu Saft und lege diesen Nachts auf die Augen, ohne dass der Saft das Innere des Auges berührt, lege ein Tuch darüber und behalte den Verband bis Mitternacht. Hierauf netze er die Augenlider mit recht gutem und reinem Wein.
Gegen unmässiges Lachen. Wer durch unmässiges Lachen erschüttert Schmerzen hat, pulverisire Muscatnuss, füge die Hälfte Zucker hinzu und thue dies in erwärmten Wein und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück.
Gegen Trunkenheit. Um einen Trunkenen wieder zu sich zu bringen, nehme man caniculata [? Cynoglossum, Hundszunge?] lege sie in kaltes Wasser und befeuchte damit Stirn, Schläfen und Kehle des Trunkenen ... Im Herbst kann man von einem frischen Weinstock den Rebschoss mit frischen Blättern nehmen und auf Stirn, Schläfen und Kehle legen ... Wenn all dies nicht zu haben ist, esse der Trunkene Fenchel oder Fenchelsamen ...
Gegen Erbrechen. Wer an Erbrechen leidet, nehme Kümmel, den 3. Theil Pfeffer und den 4. Theil Bibernell und pulverisire dies, mische das Pulver mit reinem Weizenmehl und stelle damit und mit Eigelb und etwas Wasser im warmen Ofen oder unter warmer Asche kleine Kuchen her und verzehre sie, aber auch besagtes Pulver, auf Brot gelegt ...
Gegen Durchfall. Wer Durchfall hat, muss Eigelb ohne das Eiweiss in einer Schüssel verreiben und schlagen. Dann thue man Kümmel und gestossenen Pfeffer [und das geschlagene Eigelb] in die Eierschalen und dämpfe sie am Feuer und gebe [den Inhalt] dem Patienten, nachdem er ein wenig gespeist hat, zum Essen ... Man nehme auch andere Eidottern und lasse am Feuer in einer Pfanne ihr Fett aus und verzehre nach mässiger Mahlzeit Küchlein aus diesem Fett und Weizenmehl ... Was der Patient während der Zeit geniesst, muss warm sein, weil Magen und Därme und Säfte in ihm erkältet sind; er muss weiche Speisen essen und die angenehmen Geschmack haben und junge Hühner und anderes zartes Fleisch und Fische. Häring aber und Lachs muss er vermeiden, auch Rindfleisch und Käse und schweres, rohes Gemüse, Lauch, Weizen- [siligineum] und Gerstenbrot und alles Gebratene ...
Gegen Blutfluss. Gegen Blutfluss nimmt man zwei Eidottern, zerrühre [distempera] sie und füge in der Mange eines halben Eies metra [?] hinzu und zwei Eischalen voll Essig; etwas Zimmtpulver und noch weniger Zittwerpulver gebe man dazu, mische dies alles und bereite mit etwas Wasser einen einigermaassen dicken Suppenbrei und gebe ihn dem Patienten nach dem Frühstück und in nüchternem Zustand zu essen ...
Gegen Blutfluss aus dem Mastdarm. Gegen Blutfluss nimmt man Brombeerblätter und zweimal soviel Blutkraut [Lythrum salicaria, Weiderich] und zerstampfe dies zu Saft, thut es dann in Wein und trinkt den Wein während und nach der Mahlzeit, aber nicht nüchtern ... Auch aus Weizenmehl, reinem Honig und etwas Salz mache man Kuchen und geniesse sie ... Während des Leidens esse der Kranke Weizenbrot; panem siligineum und Gerstenbrot vermeide er, ebenso Rindfleisch, Schweinefleisch, alle Fische, die kleine Schuppen haben, Käse, rohes Obst und Gemüse und alles Gebratene. Anderes leichtes Fleisch kann er essen und andere Fische un Erbsensuppe; Erbsen und Linsen und Bohnen aber vermeide er. Alle Speisen aber geniesse er nicht warm, sondern lauwarm ... Auch leichten Wein kann er trinken, aber Wasser nicht ...
Gegen Blutspeien. Wenn schlechte, dick werdende Säfte im Menschen überhand nehmen und ihn zwingen, einige Zeit Blut zu speien, soll dieser Mensch so lange keine Medicin gebrauchen, damit nicht das Blut, durch die Medicin zurückgehalten, ihn innerlich vereitert und in ungewöhnlichem Grade ausfliesst. Sondern wenn das Blut jenen Menschen einigermaassen heimzusuchen aufhört, koche er Salbei in leichtem, mit Wasser vermischtem Wein, an den er auch ein wenig Baumöl oder Butter gethan hat, filtrire ihn dann und trinke ein wenig nach dem Frühstück, nicht nach Herzenslust [ad sufficientiam] und nicht nüchtern.
Von Hämorrhoiden. Wenn Blut, durch schlechte und wässerige Säfte in Bewegung gesetzt, mit der Ausleerung abgeht, soll man dies nicht zurückhalten, weil es den Menschen reinigt. Wenn es aber im Uebermaass geschieht, füge man dem Gemüse und anderen guten Speisekräutern Gamander hinzu und esse mässig davon ...
Vom Blutspeien. Wenn einer ... Blut speien muss ... lasse er am Daumen der rechten Hand Blut ab, bis das Blut, welches auf der linken Seite den Schmerz hervorruft, dorthin strömt ...
Gegen Rose [?]. Wenn die “freislicha” genannte Pustel mit Geschwulst entsteht, nehme man Fliegen, werfe ihre Köpfe weg, zerquetsche sie und lege den Brei kreisförmig um die Geschwulst ... Dann lege man um diesen Kreis wiederum kreisförmig den Brei einer zerquetschten rothen Schnecke ohne Gehäuse ... Schliesslich benetze man die Hautstelle um diesen äusseren Kreis mit Liliensaft ... und legt ein Distelblatt [folium vehedisteles, Prog. S. 7] auf die Pustel und bindet mit einem Tuch ein Weizenküchlein über die Geschwulst, bis sie erweicht wird und aufbricht ... Wenn sie nicht von selbst aufgeht, kann man sie mit einem trockenen hölzernen Dorn oder einer anderen trockenen Lanzette [bastula] aufbrechen, nicht aber mit einer warmen oder kalten eisernen Nadel u.s.w. ...
Gegen Krebs. Man drückt aus Veilchen den Saft aus, filtrirt ihn und stellt mit ihm und einem Drittel Olivenöl und drei Dritteln Bocksfett, indem man Alles in einem neuen Topfe aufkocht, eine Salbe her. Hiermit bestreicht man die ganze krebsige Stelle ...
Gegen Ausschlag [De scabie]. Wer an verschiedenartigen Geschwüren und Ausschlag leidet, nimmt cerifolium und dreimal soviel polypodium und fünfmal soviel Alant und kocht dies in Wasser, filtrirt das Wasser durch ein Tuch in eine Pfanne, thut ein wenig frisches Harz und Schwefel und etwas mehr frisches Schweinefett hinzu und lässt dies alles in der Pfanne zu einer Salbe verdicken. Hiermit salbt sich der Patient an den schwärenden Stellen. Auch die gekochten Kräuter kann er auflegen. Dies thut er fünf Tage lang ... und wäscht sich dann im Bade ...
Gegen Gelbsucht. Gegen Gelbsucht nimmt man Verbene, zweimal soviel cephania [?] und dreimal soviel nimmoli [?] oder, wenn keine cephania da ist, Steinbrech soviel wie Verbene und legt diese Kräuter in tiefem, fest verschlossenem Gefäss in recht gutem Wein ... Beim Schlafengehen erwärmt man den Wein mit glühendem Stahl und deckt sich warm zu, um zu schwitzen ...
Gegen Kolik. Wer an Kolik leidet, nimmt etwas Ingwer, recht viel Zimmt und pulverisirt das. Dann zerquetscht er Salbei (weniger als Ingwer) und Fenchel (mehr als Salbei) und Rainfarn (weniger als Salbei) im Mörser zu Saft und filtrirt ihn. Darauf kocht er Honig etwas in Wein, fügt weissen Pfeffer hinzu, oder, wenn er den nicht hat, etwas nimolus [?entstellt aus humulus, Hopfen?] und vermischt Saft und Pulver. Dann zerquetscht man Entengrütze, zweimal soviel Tormentille, ebensoviel Feldsenf und von dem Kraute, auf dem die kleinen Kletten wachsen, weniger als Entengrütze in einem Mörser zu Saft, thut ihn in ein Säckchen, giesst den mit dem Pulver vermischten Honigwein darüber und stellt so einen Lautertrank her. Wer an der Kolik leidet, trinkt davon, soviel er in einem Zuge trinken kann, nüchtern und Abends, wenn er zu Bette geht ...
[Diese Proben werden genügen, um ein Bild von dem Heilverfahren der Hildegard zu geben. Aus dem Rest ihres Werkes führe ich nur noch zwei Absätze an:]
Vom Pulsschlag. Wenn die Ader im rechten Arm eines Menschen, der an irgend einer Krankheit leidend zu Bette liegt, einen ordentlichen und ruhigen Pulsschlag hat, wie einer ordentlich und ruhig ein- und ausathmet, so wird der Mensch am Leben bleiben und nicht sterben ... Wenn aber die Ader am rechten Arm eines kranken Menschen eilt ... und im Schlagen nachlässt, wird der Mensch sterben ... In der rechten Armbeuge und in der rechten Beinbeuge unter dem Knie kann der Aderschlag wahrhaft geprüft werden ...
Von Bädern. Keinem Menschen ist es gut, häufig zu baden,
wenn er nicht mager und dürr ist, weil dieser in Folge seines zarten
Fleisches leicht kalt und leicht warm wird ... Wasser, das gut ist zum
Trinken, ist auch gut zum Baden, muss aber erwärmt werden; dann kann
man lange darin sitzen ... Wenn man im Sommer in Flüssen badet, so
schadet einem das nichts ... Einem dürren und mageren Menschen ist
ein Dampfbad, d.h. ein mit glühenden Steinen erwärmtes Bad nicht
zuträglich, weil er dadurch noch magerer wird. Wer aber dick ist,
dem ist ein Dampfbad gut, weil die überflüssigen Säfte in
ihm gebunden und vermindert werden. Auch einem, der an der Gicht leidet,
sind Dampfbäder nützlich.
© Ann E. Wild
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