Therapeutische Monatsheft, 16.Jahrgang, August 1902, Berlin
Die Schrift der Aebtissin Hildegard über Ursachen und Behandlung der Krankheiten
übersetzt von Dr. phil. Paul Kaiser
[Fortsetzung: (Teil 2 von 5)]
Vom Schlaf. Das Mark des Menschen wächst durch den Schlaf, wie sein Fleisch durch die Speise. Denn wenn er schläft, wird sein Mark erneuert, und wenn er wacht, wird es einigermaassen geschwächt und verringert, wie der Mond beim Zunehmen wächst und beim Abnehmen kleiner wird und wie die Pflanzenwurzeln zur Winterszeit die Lebenskraft in sich bergen, die sie im Sommer in die Blüthen treiben. Wenn daher das Mark des Menschen durch Arbeiten ermüdet oder durch Wachen geschwächt ist, wird der Mensch vom Schlaf bezwungen und schläft stehend, sitzend oder liegend leicht ein, da seine Seele an sich selbst die Nothlage des Körpers wahrnimmt. Denn wenn das Mark durch Wachen geschwächt ist, leiten die Seelenkräfte einen sanften süssen Hauch aus dem Mark; dieser durchweht die Halsadern und den Nacken des Menschen und theilt sich den Schläfen und Kopfadern mit und drückt den lebendigen Athem des Menschen dergestalt nieder, dass solch einer dann daliegt wie gefühllos und bewusstlos, dass er nicht mehr Herr seines Körpers ist und bewussterweise weder Verstand noch Gedanken noch Gefühl hat, nur dass die Seele für Ein- und Ausathmung sorgt wie beim wachenden Menschen...Da sammelt die Seele des Menschen ihre Kräfte, lässt sein Mark wachsen und erstarken, kräftigt durch dieses die Knochen und sammelt das Blut, kocht das Fleisch, beruhigt die einzelnen Glieder und verbreitet in selbigem Menschen Weisheit und Wissen zu seiner Lebensfreude. Beim Schlafe des Menschen hat (das Mark) daher mehr innere Wärme als im wachen Zustande, weil es beim Wachen flüchtig und verwirrt dahinschwindet; und darum schläft jener; wenn er aber schläft, glüht sein Mark, weil es dann zunimmt und fett und rein wird.
Von nächtlicher Befleckung. Daher erregt es auch oft in dieser Glut in Folge seiner Fülle das Blut zur Lust und leitet ohne Wissen des Menschen Samen in seine Geschlechtstheile. Es erglüht auch oft in Folge übermässigen Essens und Trinkens, denn Uebermaass facht das Feuer des Markes an, und der Speisesaft bringt Mark und Blut etwas in Aufregung. Und das glühende Mark erregt im Blute fleischliche Lust...; was doch in Folge der Sommerhitze oder der Wärme der Bekleidung nie oder nur selten geschieht.
Vom Athmen. Wenn der Mensch nicht ein- und ausathmete, würde er den Körper nicht bewegen können, und sein Blut würde nicht fliessen, wie ja auch Wasser ohne Luftbewegung nicht fliesst.
Vom Uebermaass des Schlafes. Wenn einer übermässig viel schläft, bekommt er davon leicht verschiedene böse Fieber und zieht sich eine Verdunkelung der Augen zu, weil seine Augen beim Schlaf zu lange geschlossen sind, wie einer, der zu lange in die Sonne sähe, sich davon eine Verdunkelung der Augen holte. Wenn einer aber mässig schläft, wird er gesund sein. Wer übermässig viel wacht, wird körperlich schwach und verliert seine Kräfte und wird geistig ziemlich geschwächt, und das die Augen umgebende Fleisch schmerzt und röthet sich und schwillt auf. Doch die Sehschärfe und Pupille verletzt er dadurch nicht. Wer aber mässig wacht, bleibt gesund. Oft ist ein Mensch wach und kann nicht schlafen, weil sein Geist mit verschiedenen Gedanken, Möglichkeiten und Widerwärtigkeiten beschäftigt oder von grosser Freude abgespannt ist. Denn wenn er in Trauer, Furcht, Angst, Noth oder in anderen derartigen widerstreitenden Empfindungen ist, wird sein Blut oft in Unruhe versetzt, und die Adern, die angenehmen Schlafhauch aufnehmen müssten, ziehen sich etwas zusammen, so dass sie es nicht können. Und auch wenn er etwas gesehen oder gehört hat oder ihm etwas begegnet ist, worüber er sich über die Maassen freut, dann wenden sich seine Adern der Freude zu und können den angenehmen Schlafhauch nicht behalten, so dass jener die rechte Mischung in sich nicht hat und wach bleibt, bis er sich in seinem Gemüthe mit jener Sache abfindet und wieder zur Vernunft kommt und die Adern auf ihr rechtes Maass zurückgehen und der Mensch schläft. Auch wenn einer von schwerer Krankheit gepeinigt wird, gerathen Blut und Säfte in ihm in Widerstreit und erregen Stürme in ihm, und so kann er wegen dieser Widerwärtigkeiten nicht schlafen, sondern bleibt wach gegen seine Gesundheit und seinen Willen ...
Von körperlicher Bewegung. Wenn ein körperlich gesunder Mann lange umhergeht oder aufrecht steht, schadet ihm das nicht viel, weil er sich körperlich bewegt, vorausgesetzt, dass er nicht zu viel geht oder steht. Wer aber schwach ist, muss sitzen, weil er davon Schaden nähme, wenn er ginge oder stände. Das Weib aber – denn es ist gebrechlicher als der Mann und hat einen andern Schädel – muss mehr sitzen als umhergehen, damit es keinen Schaden nimmt. Wer aber reitet, nimmt keinen grossen Schaden, wenn er auch davon müde wird, weil er sich in frischer Luft aufhält; aber er muss Füsse und Schenkel dadurch pflegen, dass er sie zuweilen bewegt und ausstreckt.
Die sanguinischen Weiber. Manche Frauen sind von starker Constitution, haben weiches, schönes Fleisch und zarte Adern und gesundes Blut ohne schlechte Beimischung. Und weil Ihre Adern zart sind, haben sie weniger Blut in sich, und ihr Fleisch nimmt desto mehr zu und mischt sich mit Blut, und sie haben eine reines und weisses Gesicht, lieben gern und werden geliebt, sind kunstfertig und für sich enthaltsam, haben zur Zeit der Menstruation nur wenig Blut im Ausfluss, und ihre Gebärmutter ist stark zum Gebären geschaffen; so sind sie denn fruchtbar und können concipiren. Doch bekommen sie nicht viele Kinder; und wenn sie ledig bleiben und keine Kinder bekommen, haben sie leicht körperliche Schmerzen; verheirathen sie sich aber, so sind sie gesund. Wenn bei denen der Monatsfluss vor der richtigen Zeit aufhört, werden sie bisweilen melancholisch oder bekommen Seitenschmerzen, der Wurm wächst in ihrem Fleisch, fliessende Drüsen, die man Scropheln nennt, brechen bei ihnen auf oder es bildet sich geringer Aussatz.
Von den phlegmatischen Weibern. Gewisser anderer Frauen Fleisch wächst nicht viel, weil sie dicke Adern haben und ziemlich gesundes Blut, das ein wenig weisses Gift in sich enthält, woher es eine weissliche Farbe bekommt. Sie haben ein ernstes Antlitz von dunkler Farbe, sind energisch und tüchtig und haben einen männlichen Sinn und in der Menstuation mässigen Blutausfluss. Weil sie dicke Adern haben, sind sie meistens fruchtbar und empfangen leicht, weil ihre Gebärmutter und ihr Eingeweide stark angelegt ist. Die Männer ziehen sie an sich and nach sich, und daher lieben die Männer sie. Wenn sie sich der Männer enthalten wollen, können sie das und leiden darunter nicht viel, wenn auch ein wenig. Wenn sie aber von der Umarmung der Männer ferngeblieben sind, werden sie in ihrem Wesen herbe und ernst; wenn sie aber mit Männern verkehrt haben, weil sie ihren Umgang nicht vermeiden wollten, werden sie ganz geil in ihrer Lust nach den Männern. Und weil sie etwas männlich sind, haben sie wegen ihres inneren Lebenssaftes zuweilen ein Bärtchen am Kinn. Wenn aber der Monatsfluss vor der Zeit bei ihnen versiegt, bekommen sie die Kopfkrankheit der Hirnwuth oder die Milzsucht oder Wasserzucht, oder stets schwärende Fleischstellen wachsen an ihnen oder an irgend einem Glied wucherndes Fleisch, wie eine Blatter an einem Baum oder an einer Frucht.
Von den cholerischen Weibern. Andere Weiber haben zartes Fleisch, aber starke Knochen und mässige Adern und träges, rothes Blut und sich von bleicher Gesichtsfarbe; sie sind gescheit und gütig, Verehrung und Furcht wird ihnen von dem Leuten zu Theil. Sie haben einen sehr starken monatlichen Blutfluss, ihre Gebärmutter ist stark, und sie sind fruchtbar. Die Männer lieben ihre Art, doch halten sie sich oft von ihnen fern, weil sie selbst sie mit ihren Reizen nicht an sich ziehen. Wenn sie sich verheirathen, sind sie keusch und halten die eheliche Treue und sind körperlich gesund; ledig aber haben sie Körperschmerzen und sind schwach, weil sie Keinem die eheliche Treue bewahren können und weil sie keine Gatten haben. Wenn ihre Reinigung vor der Zeit aufhört, werden sie gelähmt oder lösen sich in ihren Säften auf, so dass sie an diesen krank werden oder auch leicht die schwarze Drachengeschwulst (nigrum tumorum dragunculi) bekommen oder ihre Brüste vom Krebs anschwellen.
Von den melancholischen Weibern. Andere Weiber haben mageres Fleisch, dicke Adern, mässige Knochen und mehr rothblaues als blutfarbenes Blut, und haben ein Antlitz wie mit blauer oder schwarzer Farbe durchsetzt u.s.w.
Von den Haaren. Wenn einem Menschen das Haupthaar ausgeht, kann es durch kein Heilmittel mehr hergestellt werden, weil der befeuchtende Lebenssaft, den er früher auf seinem Schädel hatte, vertrocknet ist und sich von nun an dort keiner mehr erheben kann; daher können von nun an dort auch keine Haare wachsen ...
Vom Kopfschmerz. Speise mit feuchtem Saft, wie der Saft von Gartenpflanzen oder Früchten ist, verursacht ohne trockenes Brot gegessen öfter Kopfschmerz; doch legt sich dieser bald, weil er von dünnem Saft entsteht. Aber auch der Schleim nimmt im Menschen zuweilen überhand, steigt zum Kopfe auf, trifft die Schläfenadern, die die Stirn kräftigen, und bringt so der Stirn Schmerzen ...
Vom Zahnschmerz. Einige ganz kleine Aederchen umgeben das Häutchen, in dem die Hirnmasse gelagert ist, und erstrecken sich bis zum Zahnfleisch und den Zähnen selbst. Füllen sich diese mit bösem, übermässigem und eitrigem Blut und werden sie bei der Reinigung des Gehirns von dem Abgang befleckt, so bringen sie den Eiter und Schmerz aus sich zum Zahnfleisch und den Zähnen. Dann schwillt das Fleisch, welches die Zähne umgiebt, und die Kinnbacken und der Mensch empfinden Schmerz. Wenn aber der Mensch nicht öfter seine Zähne wäscht und reinigt ...., entstehen manchmal Würmer in den Zähnen, und so schwillt das Zahnfleisch, und der Mensch hat davon Schmerzen.
Vom Milzschmerz. Wenn einer rohe Aepfel oder Birnen oder Kohl oder andere rohe Speisen zu sich nimmt, die weder durch Feuer noch durch irgend ein Gewürz erwärmt sind, können sie im Magen nicht leicht ausgekocht werden, weil sie vorher nicht erwärmt sind. Und so dringen die bösen Säfte jener Speisen, die durch Feuer oder durch ein Gewürz von Salz oder Essig hätten erwärmt und vertrieben sein müssen, es aber nicht sind, zur Milz und verursachen eine schmerzhafte Geschwulst derselben ...
Vom Magen und schlechter Verdauung. Der Magen ist im Menschen so eingerichtet, dass er alle Speisen aufnimmt und verdaut; er hat die Natur, festzuhalten, und ist innen etwas faltenreich, damit er die Speisen zur Verdauung festhalten kann und sie nicht zu schnell verdaut werden, wie der Maurer die Steine darum einhaut, damit sie den Mörtel aufnehmen und festhalten und er nicht ausfliesst oder abfällt. Wenn nun Menschen gewisse Speisen übermässig viel essen, nämlich rohe oder ungekochte oder halbgare und über die Maassen fette und schwere oder dürre und trockene, dann können Herz, Leber, Lunge und die andere Wärme im Menschen dem Magen nicht so viel starkes Feuer darbieten, dass jene Speise gekocht werden; dann werden sie im Magen käsig und hart und kahmig, so dass sich in ihm viel grüner, blauer, rothblauer Schleim sammelt und sich auch bisweilen böse Säfte und Unrath wie eitriger Koth durch den ganzen Körper verbreitet und böser Rauch, wie wenn grünes, feuchtes Holz verbrannt wird, überall im Körper aufsteigt ... Vom Magenschmerzen ensteht Seitenschmerz und davon Unterleibsschmerz. Denn wenn der Magen von schädlichen und schlechten Speisen krank wird, weil starke und schlechte Speisen in ihm nicht verdaut werden können, dringt ein Schmerz wie Rauch und Nebel aus ihm in die Seite, wie ein scharfer Qualm von grünem Holze aufsteigt, und dieser Magendunst verbreitet sich wie eine schwarze Wolke zum Unterleib, und dieser nimmt den Dunst auf, weil er nach der andauernden Gewohnheit immer dorthin strebt, wie Rauch nach dem Rauchfang ...
Vom Podagra. ... Wer verschiedene üppige Speisen häufig geniesst, bekommt leicht Podagra .. Die Weiber bekommen es nicht so leicht, die schädlichen Säfte gehen in die monatliche Reinigung über, und so werden jene vom Podagra frei.
Von der Verdauung. Wenn der Mensch isst, vertheilen die Aederchen, die den Geschmack empfinden, ihn durch den Körper, und die inneren Adern der Leber, des Herzens, der Lunge empfangen den feineren Saft dieser Speisen vom Magen und tragen ihn durch den ganzen Körper, und so mehrt sich das Blut im Menschen, und der Körper wird ernährt, wie Feuer, das vom Blasebalg entfacht ist, und wie Gras durch Wind und Thau erstarkt und wächst ... Was aber in den verzehrten Speisen und Getränken Unrath ist, senkt sich beim Menschen nach unten und verwandelt sich in Koth und geht dann ab; wie wenn man Trauben in die Kelter legt: den Wein füllt man in ein Gefäss, den Rest, die Hülsen, wirft man weg.
Vom Schlummern. Gleich nach dem Essen, bevor der Geschmack und Saft der Speisen an seinen Ort gelangt ist, soll man nicht schlafen ... Wenn sich aber einer (nach dem Essen) eine Weile des Schlafes enthält und sich dann eine Zeit lang zum Schlummern niederlegt, kräftigt sich sein Fleisch und Blut, und er wird gesund.
Vom Durst nach dem Schlaf. Oftmals, wenn einer Tags oder Nachts erwacht, dürstet er in Folge der Wärme oder Trockenheit der Speisen. Dann soll er nicht gleich trinken, so lange die Schlaftrunkenheit noch in ihm ist, die ihm Krankheiten zuzöge und Blut und Säfte in unrichtige Wallung versetzen würde. Sondern wenn er erwacht, mag er sich eine Weile des Trunkes enthalten, wenn er auch stark dürstet, bis ihn die Schlaftrunkenheit ganz verlassen hat. Mag er dann gesund oder krank sein, soll er gegen den Durst nach dem Schlaf Wein oder Bier trinken, kein Wasser, denn dies würde seinem Blut und den Säften mehr schaden als nützen.
Von der Lähmung (de paralysi fatigatione). Wer gelähmt ist ...muss nüchtern Wein trinken oder, wenn er den nicht haben kann, Gersten oder Weizenbier, oder wenn er auch das nicht haben kann, muss er sich Wasser mit Brot kochen, es durch ein Tuch filtriren und lauwarm trinken ...
Vom Fieber. Wer an täglichen Fiebern leidet, die von verschiedenen Speisen entstehen, darf nüchtern nichts trinken, da er dann innen noch trocken ist; denn wenn er nüchtern tränke, würde das Getränk durch den ganzen Körper dringen und ihm mehr schaden als nützen. Vielmehr soll er zuerst essen, damit seine Adern Speisesaft aufnehmen und erwarmen; dann trinke er Wein, und er wird ihm nicht schaden. Wenn er Wein nicht hat, trinke er Bier, wenn auch dies nicht da ist, Meth, wenn er auch den nicht hat, koche er Wasser, lasse es abkühlen und trinke es. Wer alle 3 oder 4 Tage Fieber hat, darf nüchtern nur in der grössten Noth trinken, wenn ihn starker Durst ergreift, und dann nur ein wenig Wasser. Beim Frühstück aber trinke er Wein; der ist ihm zuträglicher als Wasser (u.s.w. wie oben).
© Ann E. Wild
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